Warum jeder 5. Viertklässler nicht richtig lesen kann und wie deinem Kind das nicht passiert

Kannst du diese Zeilen lesen? So schätze dich glücklich. 20% der Viertklässler können nicht richtig lesen und ob sie es noch lernen werden – wir wissen es nicht. Was ist passiert? Ist die heutige Smartphone-Generation, die ein solches bereits mit zwei Jahren sicher bedienen kann, gar nicht mehr in der Lage Lesen zu lernen? Oder sind die vielen Schulreformen Schuld an der Misere? Ursachen für dieses Problem, welches nun als Tatsache im Raum steht, gibt es leider viele.

Darum können so viele Kinder nicht richtig lesen

Ursache 1

Es läuft so einiges schief an den Schulen. Viele wissen es, doch daran etwas zu ändern, da scheinen den Verantwortlichen die Hände gebunden. So wird auf Infoauftaktveranstaltungen an Schulen gerne von individueller Lernentwicklung gesprochen. Ein großer Begriff – auch sehr gut gemeint. In der Umsetzung häufig ungenügend umgesetzt. Da wird das Kind sich selbst überlassen. Da wird ein Stapel an Arbeitsheften und ganze Ordner an Arbeitsblättern zur Verfügung gestellt. Denn Material ist in Hülle und Fülle vorhanden. Getreu dem Motto: Viel hilft viel. Nun kann sich ein Kind, je nach den Voraussetzungen die es mitbringt, unterschiedlich schnell durch dieses Material durcharbeiten.

Da passiert es dann mal schnell, dass gleich mehrere Seiten am Stück fehlerhaft bearbeitet wurden. Das Kind beginnt auf gut Glück, vermutete Lösungen zu notieren, ohne mit der neuen Thematik vertraut zu sein. Eine gemeinsame Einführung mit allen Kindern – schwierig, da sich jedes Kind gerade auf einer anderen Seite in einem Arbeitsheft befindet oder mit einem anderen Arbeitsblatt beschäftigt ist. Es jedem Kind individuell zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erklären, ist zeitlich nicht zu realisieren. So entstehen Wissenslücken, die im Laufe der Schuljahre immer größer werden. Für das gemeinsame lesen Üben ist so gut wie gar keine Zeit vorgesehen. Auch das Lesen sollen sich die Kinder im eigenen Tempo aneignen. Nur bieten die Schulbuchverlage gar keine Strategien und Lernwege an, sich dieses Wissen selbstständig anzueignen.

Kinder werden sich selbst überlassen - keine Zeit zum lesen Üben

Ursache 2

Ganz entgegengesetzt, doch auch mit fatalen Folgen ist dieses Vorgehen: Alle im Gleichschritt marsch. Da mag man gleich an Rekruten bei der Bundeswehr denken. Doch ähnlich geht es in vielen Klassenzimmern bei der Aneignung von Inhalten zu. So plant ein Lehrer auf die Unterrichtsstunde genau, wie lange ein neues Thema in der Klasse erst eingeführt, dann geübt und zuletzt zum Zeitpunkt X überprüft wird. Kommt dir das vielleicht bekannt vor? Also ich habe zu meiner Schulzeit so gelernt. Das hatte bei mir in Mathe früher ganz wunderbar geklappt und ich habe mich ziemlich gelangweilt. Mir ist das sehr leicht gefallen. In Deutsch war es ganz entgegengesetzt, z. B. das Bestimmen von Subjekt, Prädikat und Objekt habe ich nie so schnell hinbekommen, wie mich der Test dann plötzlich erwartet hat.

Das Schöne und gleichzeitig Fatale an den Inhalten in Deutsch und Mathematik ist, dass die meisten Themen jedes Schuljahr wiederkommen, nur vom Schwierigkeitsgrad komplexer werden. So muss dein Kind in der 1. Klasse z. B. Plusaufgaben bis zur Zahl 20 lösen können und in der 3. Klasse bis 1.000. Wenn dein Kind nun schon in der 1. Klasse nie richtig die Rechenstrategien gelernt hat, wie soll es dann diese in der 3. Klasse souverän anwenden. Nicht ohne Grund versuchen viel zu viele Kinder da noch ihre vertraute Strategie anzuwenden und zählend Ergebnisse zu ermitteln. Es war nicht genügend Zeit für diese Kinder die passenden Rechenstrategien zu erlernen. Auf einen leseschwachen Schüler kann dabei im Unterricht wenig Rücksicht genommen werden. In solchen Fällen wird die Verantwortung schnell ans Elternhaus abgegeben.

Alle im gleichen Tempo - keine Zeit für den Einzelnen

Ursache 3

Lass mich noch eine dritte Ursache für dich darstellen, wenngleich es noch weit mehr gibt. Weißt du, wie dein Kind Schritt für Schritt Lesen lernt? Nicht so richtig – sagst du vielleicht. Da muss ich dir sagen, dass es viele Lehrer an den Grundschulen leider auch nicht wissen. Das mag für dich schockierend sein, ist aber leider Realität. Nehmen wir nur als Spitze des Eisberges die vielen Quereinsteiger die nun massenweise an die Grundschule geholt werden. Ein Diplom in Musik? – Wunderbar, Musiklehrer sind nun wahrhaft Mangelware. So ist es nicht unüblich, dass ein Musiker plötzlich als Deutschlehrer in einer 1. Klasse steht. Die Didaktik des Unterrichtens wird nebenbei an der Universität und unmittelbar am lebenden Objekt gelernt.

Ein bisschen Schwund ist immer. Dass es dabei aber um Kinder geht, die nicht richtig auf die Oberschule und so auf ihr Berufsleben vorbereitet werden, bleibt dabei außer Acht und das könnte auch dein Kind sein. In der Grundschule wird der Grundstein für den weiteren Bildungsweg gelegt und somit darf es nicht sein, dass ein Diplommusiker probiert, wie man wohl einem Kind das Lesen beibringt. Das Kind hat nur diese eine Chance.

Versuch am lebenden Objekt - deinem Kind

Machst du diesen Fehler?

Ein angehendes Schulkind ist neugierig. Unbedingt möchte es Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Hoch motiviert und von dir mit allen Materialen und Schulranzen bestmöglich ausgestattet, kommt dein Kind in die Schule. Es sitzt in der Schulbank, gebannt der Dinge, die da kommen werden. Voller Enthusiasmus – oder auch etwas weniger davon – macht es sich an die gestellten Aufgaben. Es wird niemals in Frage stellen, was die Lehrkraft da vorne erzählt, für Seiten im Arbeitsheft vorgibt oder Arbeitsblätter als Hausaufgabe mit nach Hause gibt.

Du wirst mit deinem Kind die Hausaufgaben gemeinsam zu Hause bearbeiten, wahrscheinlich in Freude, auch zu Hause dein Kind unterstützen zu können und wohlwissend, was da im Unterricht so gemacht wird. Vielleicht ärgerst du dich manchmal, wenn dein Kind eine Aufgabe nicht verstanden hat, vielleicht grübelst du selbst manchmal, was bei einem Arbeitsblatt zu tun ist. Doch die Hausaufgabe, vom Lehrer gestellt, wirst du mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in Frage stellen. Solltest du vielleicht mal tun. Zu häufig sind da Eltern im blinden Aktionismus (wenn sie denn überhaupt unterstützend tätig sind), ohne im Blick zu haben, wo ihr Kind aktuell steht und was es benötigt, um erfolgreich lernen zu können.

Probiere es doch mal so

Es gibt wahrhaft traumhafte Lehrer. Sie haben das Glück, ihrer Berufung nachzugehen. Sie lieben, was sie tun und machen das genau richtig. Lehrer, die ihre Kinder in der Klasse mit ihren individuellen Besonderheiten kennen und sehr gut in der Lage sind, dies beim Lernen jedes einzelnen Kindes zu berücksichtigen. Und ich wünsche dir von Herzen, dass du das Glück hast, an einen genau solchen Lehrer bzw. eine Lehrerin geraten zu sein. Leider hat nicht jedes Kind solch ein Glück, sonst gebe es die gravierenden Defizite nicht.

Eine Möglichkeit ist es für dich, dir bei einem nächsten Elterngespräch erklären zu lassen, wie dein Kind Lesen, Schreiben und Rechnen lernt und wo es sich auf diesem Lernprozess gerade befindet. Eine erfahrene Lehrkraft wird dir gerne und souverän antworten können. Wirst du dafür kritisch beäugt, bekommst eine knappe oder dir ungenügende Antwort, dann solltest du skeptisch sein. Doch wie genau die Antwort einschätzen? Du selbst hast wahrscheinlich nicht Grundschulpädagogik studiert. Um die Antwort der Lehrkraft einschätzen zu können, habe ich dir hier noch etwas zum Weiterlesen anzubieten. Das hilft dir dabei, einen genaueren Einblick zu erhalten.