wie lernt mein Kind schreiben

"Esch hap dich lip, mama." Möchtest du einen solchen oder ähnlichen Satz von deinem Kind in der 1. Klasse zu lesen bekommen oder kann du dich mit einer kleinen Liebeserklärung gedulden?  Die Namen für diese Methode sind so vielfältig, wie die Meinungen dazu. „Schreib, wie du sprichst“, „Lesen durch Schreiben“, „Freies Schreiben“, „Schreiben nach Gehör“. Gemeint ist die Methode Phonetisches Schreiben für den Schulanfangsunterricht. Bekannt und häufig kritisiert. Es bilden sich Rechtschreibfehler beim Schreibenlernen, da sich eine falsche Schreibweise über manchmal Jahre hinweg einprägt. Was dabei falsch gemacht wird und wie es sein sollte, findest du hier.

Methode Phonetisches Schreiben


Die Grundlage bei dieser Methode sind alle Laute. Dazu lernt ein Kind zunächst den Umgang mit einer Anlautübersicht. Auf dieser sind die Laute in Form eines Bildes mit dem dazugehörigen Buchstaben abgebildet. Genauer erkläre ich dir das in meinem Artikel Lesen lernen. So ist dein Kind nach wenigen Schulwochen fähig, ganze Texte zu schreiben, indem es sich beim Schreiben eines Wortes von Laut zu Laut hangelt und dabei stets die Anlauttabelle zur Hand hat. Dabei wird nach Gehör geschrieben, das heißt dein Kind schreibt, wie es Wörter hört, was nicht zwangsweise einer Schreibweise nach dem Duden entspricht.

Analytisch-synthetische Methode

Anders ist das bei der analytisch-synthetischen Methode, auch das Lernen mit der Fibel genannt. Hier erlernt dein Kind zunächst eine überschaubare Anzahl an Buchstaben sowie deren Laute und übt dann Wörter, die man damit schreiben und lesen kann. Wird z. B. der Buchstabe A und M behandelt, kann folgend das Wort ‚MAMA’ geschrieben werden. Kommt dann noch das L dazu, lernt dein Kind auch z. B. LAMA zu schreiben.

Warum funktioniert das Schreiben nach Gehör nicht?

Der Erfinder des Phonetischen Schreibens ist der Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen. Nach seinem Ansatz schreiben die Schülerinnen und Schüler über mehrere Schuljahre hinweg nach ihrem Gehör, ohne das in diesen Prozess korrigierend eingegriffen wird. Gerade für einen visuellen Lerntyp ist dieses Vorgehen fatal. Die falsche Schreibweise speichert sich im Gedächtnis ab und kann dann später nur schwer wieder korrigiert werden.

Wie kann die Methode Schreiben nach Gehör doch funktionieren?

Häufig wird gesagt „Nicht korrigieren!“, damit die Freude am Lernen nicht genommen wird. So pauschal kann man das nicht sagen. Grundsätzlich stimme ich dem schon zu. Stell dir vor, dein Kind kommt mit einem selbstgeschriebenen Brief nach Hause und in diesem steht: "Esch hap dich lip, mama." Was sagst du dann? „Mensch Kind, da sind ja 5 Rechtschreibfehler drin. Was hast du nur angerichtet?“ Das wirst du ganz sicher nicht tun. In diese kreative Schreibleistung greife nicht korrigierend ein. Doch bereits in der 1. Klasse ist ein gezieltes Rechtschreibtraining von enormer Bedeutung. Die Methode Schreiben nach Gehör hat den Vorteil, dass dein Kind nach kurzer Zeit in der Lage ist, sämtliche Wörter zu Papier zu bringen. Das ist enorm motivierend und ermöglicht deinem Kind eine ganz neue Form, sich auszudrücken. Doch an den Wörtern, die dein Kind zu Papier bringt, gilt es direkt mit dem Rechtschreibtraining zu beginnen.

Das Schlimmste überhaupt - Eltern zeigen einen übertriebenen Perfektionismus und wollen ihrem Kind auf einen Schlag alle Wörter richtig schreiben lassen. Fehler für Fehler gehen sie mit ihrem Kind einen geschriebenen Text durch und beseitigen einen nach dem anderen. Unberücksichtigt des Lernfortschrittes des Kindes ist es in jedem Fall eine totale Überforderung, demotivierend und kommt mit wenig Erfolg daher. 

Man braucht da auch ein Händchen für, um dein Kind nicht zu verprellen. Doch Fakt ist, man muss bereits in der 1. Klasse gezielt die Rechtschreibung üben. Werden Wörter wiederholt falsch geschrieben, prägt sich das falsche Schriftbild im Gedächtnis ein. Ein Kind fällt nicht aus allen Wolken, wenn man ihm erklärt, dass das noch nicht ganz richtig geschrieben ist und zeigt sich häufig daran interessiert, wie es in der „Erwachsenenschrift“ geschrieben wird. Nur muss man da den Lernfortschritt des Kindes im Auge behalten und nur Rechtschreibfehler korrigieren, deren Rechtschreibstrategie bereits erlernt wurde.

Rechtschreibregeln lernen

Die ersten Rechtschreibregeln


Zunächst lernt dein Kind, sich in der Anlautübersicht zu orientieren und die Anlaute (also das, was man in einem Wort zu Beginn hört) sicher zu bestimmen. In einem nächsten Meilenstein geht es darum, die Anzahl der Silben eines Wortes anzugeben, um dann zu lernen, dass es in jeder Silbe einen Silbenkapitän (König, Dachbuchstaben, Pilot, ...) gibt...

Mit jedem Meilenstein kommt eine Rechtschreibstrategie dazu und du solltest mit deinem Kind erst die Fehler thematisieren, die es in der Theorie bereits gelernt hat. Es ist sonst verschenkte Zeit, da dein Kind den Fehler noch nicht nachvollziehen kann. 

Der Germanistikprofessor Wolfgang Steinig von der Uni Siegen hat 2013 die Forschungsergebnisse seiner Untersuchung vorgestellt. Dabei hat er Schulaufsätze von 1972, 2002 und 2012 verglichen. Mit dem Fazit, dass Kinder heute kreativer und kommentierender schreiben. Viele verfügten über einen bemerkenswerten Wortschatz, aber die Rechtschreibung hat sich vehement verschlechtert. An dieser Rechtschreibleistung ist mit einer gezielten Strategie zu arbeiten, aber bitte nicht mit blindem Aktionismus.

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